27.
März 2010
Samstag, 15:00 Uhr
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Frauen WM-Qualifikation,
Gruppe Europa 4
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50
Zuschauer
(0 Gäste)
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Olimpinski Stadion
Koševo "Asim Ferhatović Hase" (35.630)
Patriotske lige 35
71000 Sarajevo-Koševo
Bosnien-Herzegowina
(Fed. BiH / Kanton Sarajevo) |
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Tag
3 – Donnerstag – Auf nach Bosna i Hercegovina! Das Ticket für die
411 km weite
Busfahrt von Zagreb in die bosnische Hauptstadt Sarajevo hatte ich
bereits am
Vortag geordert und schlug inklusive Rückfahrt mit 280 Kuna (39 €)
zu Buche. Am
Mittag begann die Fahrt im modernen Reisebus, welche mich inklusive
kurzer
Grenzformalitäten für die nächsten acht Stunden
beherbergen sollte. Dabei
führte ein großer Teil der Fahrt durch das Dinarische
Gebirge, einer
wunderschönen Berglandschaft
mit einigen Serpentinen. Sehr
schön! Um kurz vor
neun Uhr am Abend erreichte ich dann den Busbahnhof von Sarajevo.
Wechselstuben
waren hier keine auszumachen, aber ein Bankautomat half mir bei der
ersten
Devisenbeschaffung. Und der Umgang hiermit macht in BiH richtig
Spaß, denn als
Währung dient die „Konvertible Mark“, welche bis 2001 im
Verhältnis 1:1 an die
alte D-Mark gekuppelt war und sich nun am Euro orientiert. 1 Mark sind
also
0,51 €! Schon nach wenigen Gehminuten erreichte ich das Hostel Enjoy,
dessen
Zimmer im 4. Stock ich für die nächsten vier Tage beziehen
sollte. Die
Gastgeberin Jasmina (welche vom Alter her meine Mutter sein
könnte) öffnete mir
die Tür und sofort war eine riesige Gastfreundschaft zu
spüren. Sie zeigte mir
die Räumlichkeiten, erklärte mir alles, bot mir zig Mal Hilfe
an falls ich
etwas brauchen würde und fragte immer wieder ob auch alles okay
sei. „Very nice
and kindly“, das erkannten auch die beiden Polen, welche kurz nach mir
eintrafen. In der Nacht belegten dann zwei Engländer die Betten
neben mir und
am nächsten Morgen entwickelten sich interessante Gespräche.
Ian und sein
Begleiter, dessen Name ich leider nicht mehr wiedergeben kann, stellten
sich
als Notthingham Forrest Fans vor. Und Ian war ein waschechtes
englisches
Original, so wie er im Buche steht! Seit Ende der 80er Jahre würde
er seinem
Nationalteam hinterherfahren. An das letzte Spiel welcher er verpasst
hatte
konnte er sich nicht mehr ganz genau erinnern, aber es war irgendwann
als
Notthingham zeitgleich ein Spiel gehabt hatte. Ich fragte ob die beiden
den
Notthingham-Ebby aus der bekannten DSF Groundhopping-Reportage kennen
würden.
Ja den kannten sie, so ein durchgeknallter Kerl! An das 5-1 gegen
Deutschland
im September 2001 erinnerte sich Ian sehr gut. Doch als ich vom 2-1 der
Deutschen im letzten Spiel des alten Wembley Stadions sprach traf ich
seinen
Nerv! Das Ticket für dieses Spiel hatte er sich trotzdem
eingerahmt und an die
Wand gehangen.
Um
9 Uhr hatten Gregor sowie ich glaube Piotr (jedenfalls die beiden
Polen) und
ich einen Termin mit Jasmina. Sie wollte uns ein typisch bosnisches
Frühstück
präsentieren und bat uns sie zu begleiten. Es ging raus auf die
Straße und mit
dem Taxi ins nahegelegene Zentrum. Hier lud sie uns zu einem „Burak“
ein, einem
lockeren Teigmantel mit verschiedenen Füllungen wie Mett, Spinat
oder Käse. Und
es schmeckte richtig gut, ich war zufrieden! Schon bald hatte ich den
nächsten
Termin, diesmal mit den englischen Gästen. Jasmina und ihr Mann
(Taxifahrer und
großer Željezničar-Fan) fuhren uns in einer 20-minütigen
Fahrt an die
südwestliche Stadtgrenze zur Besichtigung des Tunnelmuseums.
Hierfür bekam sie
noch ein paar Euro, so dass sie hierfür und für 4
Übernachtungen insgesamt 50 €
erhielt. Ein fairer Preis! Schon auf dem Weg zum Museum wurde uns der
Krieg in
Erinnerung gerufen, welcher hier in den 90er Jahren wütete. Ein
Großteil der
Häuser in Sarajevo
hat unzählige Einschusslöcher,
teilweise stehen noch Ruinen
in den Straßen der Stadt. Sarajevo stand während des
Bosnien-Krieges zwischen
1992 und 1995 unter Belagerung der serbischen Streitkräfte.
Während dieser Zeit
schlugen täglich durchschnittlich 329 Granaten in die Stadt ein,
an einem Tag
im Jahr 1993 waren es sogar 3.777. In diesem Krieg, dessen
Auslöser die Unabhängigkeitsbestrebungen
Bosnien-Herzegowinas von der Bundesrepublik Jugoslawien waren, starben
ca.
100.000 Menschen. Darunter 11.000 alleine in Sarajevo, 1.600 davon
waren
Kinder. Ich hatte und habe wirklich Erfurcht vor dieser Stadt und
seinen
Menschen. Jasmina erzählte uns während der Fahrt wie sehr sie
genauso wie der
Großteil der anderen Zivilisten vom Kriegseinbruch
überrascht wurde und sie
sich ohne jegliche Nahrungsmittelreserven plötzlich im Krieg
befand. Im Museum
dann wurde uns Dreien in einem kleinen Raum mit Munitionskisten als
Bänke ein
Film gezeigt. Zehn Minuten lang wurden lediglich bewegte Bilder von
Angriffen
auf diese Stadt aus den Nachrichtensendungen gezeigt. Immer und immer
wieder
schlugen die Raketen in Gebäude und Straßenzüge ein,
welche man kurz zuvor
bereits kennengelernt hatte. Ein zweiter Teil des Films
beschäftige sich dann
mit dem Tunnel. Er war die letzte Verbindung zur damals
eingeschlossenen Stadt
Sarajevo und führte 800 Meter unterhalb des Flughafens entlang.
Mittlerweile existiert
dieser Tunnel nicht mehr vollständig, aber für uns gab es auf
25 Metern eine
kleine Kostprobe. Ich trug mich noch ins Gästebuch ein, dann war
Jasminas Mann
auch schon wieder da um uns abzuholen. Doch bevor wir einstiegen
erzählte uns
Jasmina vor dem Haus (es war ein privates Haus, welches als
Tunneleingang
diente) noch einige Geschichten von damals. An der Ecke an der wir
gerade
standen, suchten damals während der Kampfhandlungen neun Menschen
kurzzeitig
Schutz. Serbische Soldaten kamen um die Ecke und innerhalb von einer
Sekunde
wurden alle neun Menschenleben ausgelöscht! Ich würde
lügen wenn ich behaupten
würde, es wäre an mir spurlos vorbeigegangen. Auch
später ging mir der Gedanke
hierüber immer wieder durch den Kopf. Die vielen schrecklichen
Bilder und
Geschichten machten nachdenklich, alles war plötzlich so nah. „We were one
nation, and suddenly there was the war!“ fügte Jasmina hinzu.
Den
übrig gebliebenen Tag nutzte ich um die Stadt besser
kennenzulernen. Zu Fuß
(die Stadt hat zwar 300.000 Einwohner, ist aber aufgrund der Lage
zwischen den
Bergen recht kompakt) lief ich zunächst zum Nationalstadion im
Norden der Stadt
und von dort zum Stadion in Grbavica quer durch den gleichnamigen
Stadtteil,
dabei konnte ich schon zahlreiche Eindrücke von der Stadt sammeln.
Grbavica
wurde während des Krieges am stärksten getroffen, dort sieht
man auch heute
noch die meisten Spuren. Am Fanshop des Stadions in Grbavica konnte ich
ein
originales DFB-Trikot aus dem letzten Jahr für schlappe 20 Mark
ergattern. Zwar ein wenig verschmutzt, aber Jasmina bot mit später
an das Trikot und andere Kleidung zu waschen, was dankend angenommen
wurde. Zurück
im Hostel präsentierte ich es Ian. Doch dieser hatte die passende
Antwort
dabei, so zog er aus seinem Rucksack ein rotes Auswärtstrikot der
englischen
Nationalteams. Es war exakt jenes Design, welches England im WM-Finale
1966
gegen Deutschland trug und darin Weltmeister wurde. Stolz
präsentierte er
hierzu seine Tätowierung am Unterarm „MCMLXVI“, er hatte sich 1966
in römischen
Zahlen tätowieren lassen! Am anderen Arm prangerte ein „For
England and St.
George“! Dazu seine Körperstatur, seine Glatze. Ich sags ja, ein
echtes
englisches Original! Wir drei beschlossen gemeinsam den Abend zu
verbringen und
tranken im Zentrum ein paar Biere. Der Gesprächsstoff ging nicht
aus, ging es
nun um vergangene große Spiele der Nationalteams, um ein
mögliches Elfmeterschießen
zwischen England und Deutschland während der kommenden WM, um die
Europacup-Partien von Notthingham gegen deutsche Teams, über
Reisen, die
zahlreichen hübschen Frauen in Sarajevo und über Hooligans.
Es hat viel Spaß
gemacht! So ließen wir diesen fantastischen Tag ausklingen. Am
nächsten Morgen
brachen Ian und sein Begleiter nach Belgrad auf. Es war der
nächste Stopp ihrer
zweiwöchigen Balkanreise. Auch ein Fußballspiel wollten sie
dort sehen, zu
Crvena Zvezda sollte es gehen. Mein Weg führte mich nun zur
Baščaršija,
der alten türkischen Stadt im Herzen von Sarajevo, umgeben von
zahlreichen
Moscheen und kleinen Gassen mit kleinen Lädchen. Das konnte schon
sehr
gefallen! Ich überquerte auf dem Weg dorthin eine Straße auf
im Ausland oftmals
üblicher Weise ohne Ampel oder Zebrastreifen. Und wem lief ich in
die Arme? Der
Policija! Passport! Aber es blieb nach der Passkontrolle bei einer
mündlichen
Verwarnung und ich konnte meinen Weg fortsetzen.
Es sollte heute endlich
wieder einen
rollenden Ball zu Gesicht geben! Widerum zu Fuß nahm ich den Weg
zum
Nationalstadion im Stadtteil Koševo auf mich, in völliger
Unwissenheit ob mich
hier heute Nachmittag auch wirklich ein Spiel erwarten würde.
Einzige Quelle
für die Ansetzung dieses Damenländerspiels zur
WM-Qualifikation war die
Homepage der FIFA. Nirgends anders, nicht einmal in einem kleinen
Nebensatz in
der Tageszeitung fand dieses Spiel Erwähnung. Ich war nervös,
denn ich wollte
unbedingt dieses Stadion mit einem Spiel besuchen, und es war an diesem
Wochenende die einzige Möglichkeit, so dachte ich zu diesem
Zeitpunkt
jedenfalls. Als ich dann näher kam und Musik im Stadion hörte
und dazu einen
Ordner sah war ich glücklich! Der Eintritt war frei und nach
kurzer Abtastung
und Taschenkontrolle stand ich nun in diesem mächtigen Stadion am
Fuße der Berge von Sarajevo. Was für eine geniale mit 35.000
Sitzschalen ausgestatte Schüssel! Bei diesem Anblick war mir egal,
dass
auf dem Spielfeld nur Magerkost angeboten werden sollte. Natürlich
wäre das
Sarajevo-Derby zwischen dem FK und Željezničar in diesem Stadion ein
Traum,
doch heute gab ich mich absolut mit dem angebotenen zufrieden. Das
Stadion
wurde vor wenigen Jahren komplett renoviert, da es im Krieg erheblich
beschädigt wurde. Den Beinamen „Olimpinski“ hat es den Olympischen
Spielen 1984
zu verdanken. Damals war Sarajevo Ausrichter der Olympischen
Winterspiele und
in diesem Stadion wurde die Eröffnungsfeier ausgetragen. Langsam
wurde mir klar
warum in den Medien nichts von diesem Spiel zu finden war und sich auch
nur gut
50 Zuschauer auf die Tribünen verirrten. Bosnien-Herzegowina in
Sachen
Frauenfußball als „Entwicklungsland“ einzustufen wäre
wahrscheinlich noch ein
Riesen Kompliment für diesen Bereich. Im Spiel des Letzten gegen
den Vorletzten
der europäischen WM-Qualifikationsgruppe 4 spielte sich fast das
gesamte
Spielgeschehen in der rumänischen Spielhälfte ab.
Katastrophale Fehlpässe und
Spielzüge führten letztlich zu einer absolut verdienten 0-5
Niederlage. Nach
dem ich zwischenzeitlich etwas Schutz vor dem Regen in einem der
Mundlöcher der
Tribünen suchte und das Spiel abgepfiffen wurde, machte ich mich
zunächst
wieder auf den Weg ins Hostel.
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